«Die Lese und der Traubenflüsterer»

Wenn Andreas Stössel in diesen Tagen durch die Rebzeilen streift, tut er dies mit dem gleichen liebevollen Blick, wie das ganze Jahr über. Fast fürsorglich schaut er sich die Trauben an, nimmt die eine oder andere in die Hand, wiegt sie vorsichtig darin, beisst hinein, spuckt die Kerne in seine Handflächen, schnalzt mit der Zunge und geht kurz in sich. Er schätzt in diesem Moment ab, ob «Bacchus Frucht» an der Rebe bleibt oder bald ins kleine Erntekörbchen muss.

Was nach einem Impuls oder blossem Gutdünken klingt, ist ein präziser Prozess, der beinahe so scharf wie ein Rebmesser ist. Seine Entscheidung, ob eine Traube, Lage, Rebsorte oder gar der gesamte Weinberg reif ist, basiert auf viel Erfahrung, Wissen und Beobachtungsgabe.

Den richtigen Zeitpunkt der Lese zu bestimmen, ist eine der wichtigsten Entscheidungen, die der Önologe der beiden Weingüter Höcklistein und Schmidheiny trifft. Heute, morgen oder übermorgen? Vielleicht hätte es schon gestern sein sollen? Vermutlich schläft Andreas Stössel in den Wochen und Tagen vor der definitiven Entscheidung nicht ganz so ruhig wie sonst. Wälzt sich im Bett und wiegt Chancen und Risiken ab.

Denn neben dem generellen Zustand der Trauben [z. B. Zucker- und Säuregehalt oder Geschmack], gibt es andere Faktoren, die im Entscheidungsprozess beinahe ebenbürtig sind. Wie wird das Wetter in der Erntephase? Deshalb lieber früher lesen, um von allfälligen Wetterkapriolen verschont zu bleiben? Den zierlichen und zickigen Räuschling jetzt ernten? Den eher robusteren Zweigelt ein paar Tagen «im Regen» stehen lassen?

Genauso wichtig ist die Art und Tageszeit der Lese. Besser wo möglich mit grossen Erntemaschinen und starken Lichtquellen mitten in der Nacht mit der Ernte beginnen? Die Kühle der Nacht nutzen? Das Risiko von Erdverdichtung durch ein Leseungetüm in Kauf nehmen? Oder doch lieber in der Morgendämmerung mit rund 40 Helfern durch die Rebberge streifen und die Trauben abnehmen? Es sind Dutzende, wenn nicht Hunderte solcher kleinen und grossen Entscheidungen, die der Önologe fällt und in einem bedeutungsschweren Moment sein Verdikt gibt: Lese, los!

Auf Höcklistein und Schmidheiny begann die Ernte 2018 am 11. September und wird voraussichtlich in der zweiten Woche Oktober zu Ende gehen. Zuerst las man traditionell die weissen Traubensorten: Johanniter, Müller-Thurgau, Sauvignon Blanc, Räuschling und Chardonnay. Zwischen Sauvignon Blanc und Räuschling wurde parallel der Pinot Noir abgenommen. Ganz am Schluss werden noch Zweigelt und Merlot folgen.

Was dann im nächsten Schritt abgeht, ist wahrlich ein Wunder der Natur. Eine Eruption des Lebens. Eine Sensation: Die Gährung! Folgen Sie uns und erfahren sie hier bald mehr dazu…